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Jeder Mensch träumt von der Zukunft, doch nicht jeder von uns wird sie erleben.
Tio Holtzman,
Spekulationen über Zeit und Raum
Leto lehnte sich entspannt im Kommandosessel des Drachenschiffs zurück. Sie hatten die Stadt hinter sich gelassen und überflogen nun die landwirtschaftlichen Flächen der Umgebung. Alles war so friedlich, sanft und leise. Er ließ sich einfach vom Wind treiben und bewegte kaum die Ruder. Völlig lautlos und anmutig schwebten sie an der Spitze der Formation über das grüne Land dahin. Er blickte auf breite Flüsse, dichte Wälder und Sümpfe, in denen das stehende Wasser glitzerte.
Victor starrte mit großen Augen aus den Sichtfenstern. Immer wieder zeigte er auf Sehenswürdigkeiten und stellte tausend Fragen. Rhombur beantwortete sie ihm nach Kräften, und wenn er nicht weiterwusste, musste Leto mit dem Namen eines Dorfes oder topographischen Details aushelfen.
»Ich freue mich so, dich dabei zu haben, Victor.« Leto zauste dem Jungen gutmütig das Haar.
Drei Wachmänner hielten sich an Bord auf – einer in der Hauptkabine und die anderen am Vorder- und Hinterausgang. Sie trugen schwarze Uniformen mit dem roten Falken der Atreides-Ehrenwache auf den Schulterstücken. Da er einen von ihnen ersetzt hatte, trug Rhombur nun die gleiche Uniform, und selbst Victor, für den aus Gewichtsgründen ein Wachmann abgezogen werden musste, hatte Atreides-Schulterstücke auf seiner Nachbildung der schwarzen Jacke des Herzogs. Die Epauletten waren unverhältnismäßig groß für den Jungen, aber er trug sie voller Stolz.
Rhombur sang Volkslieder, die er von den Bewohnern Caladans gelernt hatte. In den vergangenen Monaten hatten er und Gurney Halleck häufig im Duett zum Baliset gesungen, doch im Augenblick genoss er es einfach, seine raue Stimme ohne irgendeine Begleitung einzusetzen.
Einer der Wachmänner kannte das Lied und fiel ein. Der Mann war auf einer Pundi-Reisfarm aufgewachsen, bevor er sich den Atreides-Truppen angeschlossen hatte, und konnte sich noch gut an die Lieder erinnern, die seine Eltern ihm beigebracht hatten. Victor versuchte ebenfalls mitzusingen und steuerte die nicht immer korrekten Worte des Refrains bei.
Trotz seiner Größe war das Drachenschiff mit den Segeln mühelos zu manövrieren, ein ideales Gefährt für gemütliche Reisen. Leto nahm sich vor, es häufiger zu tun. Vielleicht würde er beim nächsten Mal Jessica mitnehmen ... oder Kailea.
Ja, Kailea. Victor sollte mehr Zeit zusammen mit seiner Mutter und seinem Vater verbringen, ungeachtet ihrer politischen und dynastischen Differenzen. Leto empfand immer noch etwas für sie, auch wenn sie ihn in letzter Zeit immer nur abgewiesen hatte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie grausam seine Eltern zueinander gewesen waren, und wollte nicht, dass Victor mit einem solchen Erbe aufwuchs.
Zu Anfang hatte er einfach nicht daran gedacht, doch dann hatte er sich hartnäckig geweigert, als Kailea immer unvernünftigere Forderungen nach einer Heirat stellte. Trotzdem war ihm bewusst, dass er sie wenigstens zu seiner festen Konkubine hätte machen sollen, damit ihr gemeinsamer Sohn den Namen der Familie Atreides tragen konnte. Leto hatte sich noch nicht entschieden, ob er das Heiratsangebot von Erzherzog Ecaz annehmen wollte, aber irgendwann würde er ganz gewiss eine politisch akzeptable Kandidatin aus den Häusern des Landsraads finden.
Dessen ungeachtet liebte er Victor viel zu sehr, um ihm den Status seines erstgeborenen Sohns vorzuenthalten. Wenn er das Kind zu seinem offiziellen Erben ernannte, wäre Kailea vielleicht ein wenig versöhnt.
Irgendwann hatte der Junge genug vom Singen und der langsamen Fahrt des Drachenschiffs, sodass er den Hals reckte, um zu den flatternden Segeln hinauszublicken. Leto ließ ihn für einen Moment die Steuerung übernehmen. Begeistert verfolgte Victor, wie die Nase des Luftschiffs auf seine Ruderbewegungen reagierte.
Rhombur lachte. »Du wirst eines Tages bestimmt ein großartiger Pilot sein, Junge, aber lass dich nur nicht von deinem Vater unterrichten. Davon verstehe ich viel mehr als er.«
Victors Blicke wechselten zwischen seinem Onkel und seinem Vater, und Leto musste lachen, wie ernsthaft sein Sohn über diese Bemerkung nachdachte. »Victor, frag deinen Onkel, wie er einmal unser Schiff in Brand gesetzt und es mitten in ein Riff gesteuert hat.«
»Du hast mir gesagt, dass ich das Riff rammen sollte«, erwiderte Rhombur.
»Ich habe Hunger«, sagte Victor, was Leto nicht im Geringsten überraschte. Der Junge hatte ständig einen gesunden Appetit und wuchs von Tag zu Tag.
»Schau in den Schränken hinter der Brücke nach«, sagte Rhombur. »Dort haben wir das Essen verstaut.« Victor lief sofort begeistert nach hinten.
Das Drachenschiff flog über Felder hinweg, die mit Pundi-Reis bepflanzt waren, grüne Flächen, zwischen denen Bewässerungskanäle verliefen. Boote trieben träge dahin und transportierten Säcke mit dem einheimischen Getreide. Der Himmel war klar, der Wind sanft. Leto hätte sich keinen besseren Tag für den Flug wünschen können.
Victor stand auf einem Regalbrett, um an das oberste Fach des Schranks zu gelangen. Er betrachtete die Bilder und Symbole auf den Etiketten, konnte aber noch nicht alle Wörter lesen. Er kannte nur einige Galach-Buchstaben und wusste, welchem Zweck bestimmte Dinge dienten. Er fand Trockenfleisch und Uluus – der für den Abend vorgesehene Nachtisch aus Beerenpasteten. Er verschlang ein ganzes Paket davon, womit er seinen unmittelbaren Hunger stillte, doch anschließend stöberte er weiter herum.
Mit der Neugier eines Kindes setzte Victor seine Erkundungen fort und beschäftigte sich mit einer Reihe von Fächern in der Wand. Er kannte das rote Symbol und wusste, dass sich dahinter die Erste-Hilfe-Ausrüstung für den Notfall befand. Er hatte solche Dinge gelegentlich gesehen, wenn die Hausärzte kleinere Verletzungen behandelten.
Er öffnete ein Erste-Hilfe-Fach und holte Gazeverbände und Tablettenpackungen heraus, um sie genau zu studieren. Die Rückwand des kleines Fachs klapperte verlockend, sodass er sie entfernte und auf ein noch tiefer verborgenes Fach stieß. Darin entdeckte Victor etwas mit blinkenden Lichtern, einer rückwärts zählenden Leuchtanzeige und mehrere Energiespeicherzellen. Und alle diese Dinge waren mit Drähten verbunden.
Fasziniert starrte er es eine ganze Weile an. »Onkel Rhombur! Schau mal, was ich gefunden habe!«
Rhombur lächelte ergeben und ging nach hinten, um den Wissensdurst seines Neffen zu stillen.
»Da, hinter den Doktorsachen.« Victor zeigte mit einem kleinen Finger in das Fach. »Es ist hell und bunt.«
Rhombur ging in die Hocke, um es sich anzusehen. Mit dem Stolz des Entdeckers griff Victor hinein. »Schau mal, wie die Lichter blinken! Ich hole es raus, damit du es dir ansehen kannst.«
Als der Junge das Gerät zum Vorschein brachte, sog Rhombur erschrocken den Atem ein. »Nein, Victor! Das ist eine ...«
Der Sohn von Herzog Leto bewegte die Verbindungsdrähte und aktivierte damit die Sicherung gegen Manipulationen.
Die Sprengsätze detonierten.